Liebe Schweizerinnen und Schweizer,
liebe Gäste von nah und fern,
geschätzte Damen und Herren
Wir Schweizer feiern heute den Geburtstag unseres Landes, wiederum auch auf dem Rütli, hier am symbolischen Geburtsort unserer Nation, hier, an diesem wunderschönen Fleck am Vierwaldstättersee, im Urnerland, im Herzen der Schweiz!
Gruss und Handschlag allen hier Anwesenden. Wie hat doch Schiller zur Rütliszene geschrieben: "Das Herz ist hier des ganzen Volkes..." Danke, dass Sie alle gekommen sind.
La Suisse fête aujourd’hui son 717ème anniversaire. Notre pays n’en est pas pour autant désuète. L’idée d’une Suisse libre est intemporelle. Ce n’est pas une idée en l‘air; la Suisse existe, c’est un fait indéniable qu’on ne pourra jamais assez fêter.
Der 1. August ist zuerst einmal ein Tag des Dankes. Ich danke den vielen Generationen vor uns, die an der „Erfolgsgeschichte Schweiz“ Kapitel um Kapitel geschrieben haben. Ich danke jenen zahlreichen Schweizerinnen und Schweizern, die das Wohl unseres Landes zum Leitfaden ihres Lebens gemacht haben. Ich danke jenen ungezählten Frauen und Männer jeden Alters, die jenseits der Schlagzeilen, still und bescheiden, Tag für Tag dafür sorgen, dass ihre Familie, ihr Dorf, ihr Verein, ihr Kanton, letztlich unsere Nation Schweiz, als Ganzes Bestand hat.
Die Stimmung hier auf dem Rütli ist für uns alle einmalig. Schauen wir uns doch nur ein wenig um und lassen die Stimmung ganz intensiv auf unsere Sinne wirken: Wir sehen und spüren die stillen Wasser des Urnersees. Wir atmen genussreich die Frische der Luft, wir erleben die intakte Natur der unberührten Landschaft, und wir wissen, dass von hier aus heute abend viele Höhenfeuer zu sehen sind, sei es auf dem Rophaien, sei es auf dem Fronalpstock oder sei es auf den Mythen. Selbst für die Musik ist das Rütli eine würdige Kulisse mit einmaliger Akustik.
Auf dem Rütli fühle ich mich deshalb den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer ganz besonders nahe. Die Einteilung der Welt in die vier Elemente ist eines der ältesten Prinzipien. Die vier Elemente sind auch als Elemente in jedem Lebewesen zu finden - weltumspannend, über Kulturen hinweg. Lassen Sie mich unter diesem Gesichtspunkt näher auf die vier Elemente eingehen, um daraus einige Erkenntnisse für uns und unser Land abzuleiten.
Erstes Element - Die Erde (unser Bewusstsein)
Erde - damit meine ich hier auf dem Rütli die Wiese, den Wald, die Bäume, die Blumen, die Felsen - Erde bedeutet für mich Verwurzelung, Beständigkeit, Geschichte, Tradition und Toleranz. Umgesetzt auf unsere Schweiz heisst das für mich, dass wir alle politischen Tätigkeiten, auch den gesamten unaufhaltsamen Veränderungsprozess, auf der Grundlage des Bestehenden aufbauen und weiterentwickeln sollen. Wir haben Verantwortung zu tragen zu den Werten und Errungenschaften unserer Vorfahren, die zum Teil mit viel Müh und Not, vor allem aber mit Bedacht und Weitsicht über viele Jahrzehnte, ja gar Jahrhunderte, entstanden sind. Deshalb wollen wir Sorge tragen zu den föderalistischen Strukturen, zur Neutralität, zur Unabhängigkeit, auch zu den Sozialwerken und uns bekennen zu einer schweizerisch eigenständigen Rolle in Europa und auf der Welt.
Wir wollen uns dabei nicht verschliessen gegenüber neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft, unseres Staates, wollen aber politische Entscheide immer sorgfältig und mit Bedacht treffen. Kontinuität ist gefragt, Weiterentwicklung auf der Basis des Bewährten. Wie hat doch Stefan Zweig gesagt: "Wer seine Wurzeln nicht kennt, kennt keinen Halt."
Zweites Element - Das Wasser (die Gefühle)
Wir sind alle entweder mit dem Schiff aufs Rütli gefahren oder haben die Wirkung des Wassers auf dem Abstieg von Seelisberg her erlebt. Das Wasser des Urnersees bedeutet für mich Feingefühl, Stille, Tiefe, Ruhe, Stärke. Das hat mit Emotionen und mit Verantwortungsgefühl zu tun. Als Schweizer frage ich mich deshalb am Nationalfeiertag: Handeln wir in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verantwortungsvoll genug? Lassen wir den Gefühlen ihren Raum?
Ich meine, in der Schweiz geschieht tagtäglich sehr viel Positives, in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen. Das gilt es zu würdigen. Doch wir müssen uns in der Führung immer wieder zwei zentrale Fragen stellen: Erstens, tue ich die richtigen Dinge und zweitens, tue ich die Dinge richtig! Die Erkenntnisse daraus helfen uns, die aktuelle Situation immer wieder neu zu überdenken um jederzeit verantwortungsvoll handeln zu können.
Gerade in letzter Zeit gab es in unserem Land doch einige wirtschaftliche aber auch politische Ereignisse, bei denen die Entscheidungsträger ihre Verantwortung nicht oder zuwenig wahrgenommen haben. Wen und was ich meine, geschätzte Gäste, das wissen sie wohl selbst am besten. Ich möchte hier und heute niemanden an den Pranger stellen. Wir wollen konstruktiv in die Zukunft blicken. Seien wir also selbstkritisch, handeln wir deshalb jederzeit mit Verantwortung und Fingerspitzengefühl.
Drittes Element - Die Luft (der Gedanke und Intellekt)
Luft ist einfach da - ist aber nicht greifbar. Und doch einfach präsent. Luft ist für mich Sinnbild für das Denken, für Ideen, für Phantasie und Kommunikation. Das Element Luft steht somit für Veränderung, für Fortschritt. Auch der Staat Schweiz hat sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen und sich gezielt weiterzuentwickeln. Ich denke da beispielsweise an den Klimawandel. Ja, der Klimawandel findet statt, kein Zweifel. Doch bei aller Realität, dass dem so ist, und dass der Mensch die naturgegebenen Abläufe beeinflusst, beschleunigt, darf nicht darüber hinweggeschaut werden, dass seit jeher naturgegeben ein Klimawandel stattgefunden hat. Wir können tun, was wir wollen, doch der Mensch wird auch im 21. Jahrhundert nicht in der Lage sein, den Klimawandel aufzuhalten.
Vernunft und Ethik verpflichten uns allerdings, zu unseren Lebensgrundlagen Sorge zu tragen. Da sind wir gefordert, auch die Schweiz, wir alle. Doch gerade hier gilt, diese Herausforderung weder mit Panik noch mit Sorglosigkeit anzugehen. Bei allen Massnahmen, die getroffen werden, gilt es zu berücksichtigen, dass auch noch andere Dinge für das Wohlergehen unseres Staates unverzichtbar und überlebenswichtig sind. Ich denke da beispielsweise an die Sicherheit der Bevölkerung, ich denke aber vor allem auch an Bildung, Wissenschaft und Forschung. Es ist Aufgabe der Politik, sich umfassend den Herausforderungen anzunehmen - in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Das bedarf natürlich einer gewissen Offenheit und eines offenen Geistes.
Viertes Element - Das Feuer (der Wille)
Sinnbild für die Einigkeit der Schweiz und sichtbares Zeichen für die 1. August Feierlichkeiten, ist das Feuer. Für mich ein Zeichen des Willens und der Energie.
Heute abend leuchten hier in den Alpen die Höhenfeuer und verleihen unserem 1. August eine geheimnisvolle, feierliche Note. Dass dies so ist, hat Geschichte. Das Feuer war früher Kommunikationsmittel, war für die Warnung bei Herannahen von Feinden gedacht und sollte sich als sichtbare Botschaft sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit unter den Eidgenossen verteilen. Diese alte Höhenfeuer - Tradition zeugt Jahr für Jahr von Einigkeit und Verbundenheit zwischen Menschen, Gemeinden, Kantonen und unserer Nation.
Feuer bedeutet heute für uns Menschen Wärme, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit. Feuer verstehen wir wörtlich, aber auch sinnbildlich. So reden wir bei Ärger und Streit von „Feuer unterm Dach“ haben. Wenn wir jemanden "anfeuern", meinen wir Mut machen, beistehen, ihm „Ansporn“ geben. Und wenn uns jemand zu langsam ist, dann heisst es hier im Volksmund dem muss man „Feuer unterm Hintern machen“.
Wenn es Leuten am Feuer fehlt, dann fehlt es oft an der Motivation, der Energie, an Einsatzbereitschaft und Wille oder es fehlt schlicht einfach das Temperament.
Wenn aber Feuer vorhanden ist, dann kann eben Begeisterung ausgelöst werden, es werden oft unerwartet gute Resultate erzielt, Identifikation und Motivation und eben Leistungsbereitschaft sind zum vorneherein gegeben.
La Suisse est un pays de qualité. Les feux suisses reposent sur une bonne braise. Nous savons tous que pour que la braise soit longtemps active, il faut du temps, de la patience et du savoir-faire. Mais dans ce cas, une bonne braise crépitera longtemps si nous nous portons garants de sa qualité. Se porter garant pour quelque chose, c’est s’engager, c’est avoir un tel enthousiasme que le feu s’allume en chacun de nous. Se porter garant, c’est aussi avoir le courage de prendre des risques et de s’encourager à donner le meilleur de soi-même, et si nécessaire, de s’aider mutuellement pour couvrir le feu.
Feuer ist Sinnbild für den ersten August und damit eben für die Einigkeit der Schweiz. Unsere Flagge hat einen feuerroten Untergrund mit weissem Kreuz. Wir dürfen feurige Patrioten sein, doch wissen wir mit dem Feuer umzugehen und den Patriotismus ausgewogen einzusetzen. Feuer ist Gefahr und wirkt schmerzhaft, wenn es ausbricht. Feuer ist aber auch eine Chance, wenn man es gut einsetzt. Und das Feuer in uns bringt uns ungeahnt weit, wenn wir es kontrolliert zu entfachen verstehen. Rufen wir uns am 1. August unser schönes Land und unser Wohlergehen in Erinnerung und pflegen wir, zusammen mit all unseren Gästen unser gemeinsames Feuer, die Schweiz. Und wenn wir dann genügend Feuer in uns tragen, dann werden wir auch genügend zündende Ideen haben, um die anstehenden Herausforderungen gemeinsam und erfolgreich zu bewältigen.
In diesem Sinne komme ich zum Schluss.
Wir alle streben nach Glück, Gesundheit und Wohlergehen. Der Staat setzt uns die Leitplanken und Rahmenbedingungen. Und es ist die vornehme Aufgabe des Staates, auch für die kommenden Generationen vorzusorgen.
Nehmen wir Wissen und Erfahrung aus der Vergangenheit mit in die Gegenwart und die Zukunft. Tragen wir Sorge zu uns und zu unserem Land, stellen wir uns den anstehenden Herausforderungen, kümmern wir uns um ein Klima des Wachstums und der Entwicklung. Die Schweiz hat Zukunft, die Schweiz ist eine grosse Chance für uns und unsere Nachfahren. Packen wir die Chance. Die Schweiz ist ein grossartiges Land. Mit grossartigen Menschen.
So wünsche ich uns allen einen stimmungsvollen Bundesfeiertag.