Liebe Kinder und Jugendliche
Liebe Gäste
Als Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und der Rütlikommission bin ich stolz, glücklich und zufrieden, hier vor Ihnen zu stehen und Sie alle herzlich zu begrüssen.
Wir feiern dieses Jahr den ersten August, unsern Nationalfeiertag, auf ganz besondere Weise. Nicht wie üblich, durch eine traditionelle, schlichte Bundesfeier.
Sondern durch eine Festaufführung des „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller.
Gespielt wird das Stück vom Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar unter der Regie des Schweizers Stephan Märki. Am selben Theater in Weimar, damals Hoftheater genannt, wurde das Stück am 17. März 1804, also vor 200 Jahren, zum ersten Mal aufgeführt. Regie führte damals Johann Wolfgang Goethe.
Der „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller hat für die Geschichte der Gründung der Eidgenossenschaft, für die Entwicklung der Schweiz überhaupt, eine grosse Bedeutung. Deshalb beglückwünsche ich den Produzenten Lukas Leuenberger zu seiner Idee, das 200-Jahre-Jubiläum des Wilhelm Tell mit einem Brückenschlag zwischen Weimar und der Urschweiz zu begehen.
Ich freue mich, dass das Theater Weimar für diese Idee offen war und mit dieser Jubiläumsaufführung zu uns, in die Urschweiz, auf die Rütliwiese, gekommen ist.
Ich danke allen Mitwirkenden an diesem Theaterereignis für ihre Begeisterung und ihren Einsatz.
Und ich danke dem Himmel für das Wetterglück!
Inmitten der überwältigend schönen Landschaft unserer Heimat lassen wir auch die machtvollen Skulpturen von Günther Uecker auf uns wirken. Sie stehen für die 26 Kantone und symbolisieren die Kraft und Verteidigungsbereitschaft der alten Eidgenossen.
Lassen Sie mich einen kurzen Abstecher nach Bern, in die Hauptstadt des Bundes der Eidgenossen, machen. Dort wird heute, am 1. August, der neugestaltete Platz vor dem Bundeshaus mit 26 Wasserfontänen eingeweiht, für jeden Kanton steht eine Fontäne. Stämme, Steine und Wasser symbolisieren für mich Kraft, Beständigkeit und Anpassungsfähigkeit der Menschen im Verlaufe der Geschichte.
Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft wurde1810 von aufgeschlossenen Männern gegründet, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen lag. Die Gesellschaft setzte sich damals ein für Volksschulbildung für alle, für gesunde Ernährung für alle, für medizinische Versorgung für alle.
Alles Errungenschaften, die wir heute als selbstverständlich betrachten.
Eine der historischen Taten der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft war der Kauf der Rütliwiese aus Privatbesitz mit Geld aus einer nationalen Sammlung. Damit wurde die Keimzelle der Schweizerischen Freiheit, wie die Rütliwiese genannt wurde, vor dem Bau eines modernen Gasthauses bewahrt. Das Rütli wurde der Schweizerischen Eidgenossenschaft als unveräusserliches Nationaleigentum geschenkt. Die Pflege, Betreuung und Verwaltung des Rütli obliegt seither der siebenköpfigen Rütlikommission, in welcher die Kantone Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Luzern und die Eidgenossenschaft vertreten sind.
Bekannt gemacht wurde diese Tat, der Kauf und die Schenkung, am 10. November 1859, am hundertsten Geburtstag von Friedrich Schiller.
Im Rahmen dieser Feier entstand spontan die Idee, Friedrich Schiller einen Gedenkstein zu widmen. Die Idee wurde innert Kürze verwirklicht. Schon am 21. Oktober 1860 wurde der Schillerstein, vorher Mythenstein genannt, am Ufer des Sees eingeweiht.
Berührungsängste der Innerschweizer mit dem deutschen Dichterfürsten bestanden offensichtllich keine. Friedrich Schiller wurde sozusagen innert Monaten mit Goldbuchstaben zu einem der unsrigen erklärt.
Heute gehen diese Verfahren etwas länger.
Unser Nationalfeiertag, der 1. August, existiert erst seit dem Jahre 1891. Dieses Datum wurde vom Bundesrat dem Parlament in einer Botschaft vorgeschlagen.
Es geht auf den Bundesbrief von 1291 zurück, der auf Anfang August datiert ist. Dies war eine Geste der Versöhnung den Kantonen der Innerschweiz gegenüber. Denn immer noch gab es die Gefühle von „Siegern“ und „Besiegten“ aus dem Sonderbundskrieg, der 1847 der Gründung des Bundesstaates vorangegangen war. Diese Kluft sollte überbrückt werden.
Am 1. und 2. August 1891 wurde erstmals der nationale Feiertag mit grossen Festlichkeiten begangen, mit einem Festspiel in Schwyz und einer Tell-Kantate auf dem Rütli.
Heute ist es nicht eine Tell-Kantate - sie war seinerzeit auch zu Versen von Schiller komponiert worden - sondern das Schauspiel „Wilhelm Tell“ das dem 1. August 2004 seinen Glanz verleiht.
An dieses Theaterereignis auf der Rütliwiese habe ich von Anfang an hohe Erwartungen geknüpft. Diese Erwartungen sind schon jetzt übertroffen worden: Zahlreiche Besucherinnen und Besucher finden sich auf der Rütliwiese ein, die vorher noch nie hier waren. Oder seit den Kinder- und Jugendjahren nicht mehr.
Nicht nur die Rütliwiese, die ganze, wundervolle Landschaft der Urschweiz wird durch den Tell auf dem Rütli wieder neu in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.
Ich habe es bereits erwähnt, das Schauspiel von Friedrich Schiller hat für die Gründungsgeschichte und die Entwicklung der Schweiz eine grosse Wirkung entfaltet. Schweizerinnen und Schweizer meiner Generation denken an die berühmte und berührende Aufführung im Schauspielhaus Zürich im Januar 1939 zurück. Aber wir sind nicht die einzigen in der Welt, die sich in diesem Drama wiedererkennen. 1990, nach dem Fall der Mauer, gab es in Potsdam eine sensationelle Aufführung des „Wilhelm Tell“. Nach der Aufführung verliessen Besucher weinend das Theater. So sehr verschmolz das, was sie gesehen hatten, mit ihren noch ganz frischen Erinnerungen an Unterdrückung und Befreiung.
Freiheit ist unteilbar. Wann immer und wo immer Menschen unter Unfreiheit leiden, leiden wir mit. So wird das Rütli zur Heimstätte der Freiheit, die allen Menschen weltweit zusteht.
Ich bin begeistert über das lebhafte Gespräch, das unter den Menschen und in den Medien rund um die Aufführung auf dem Rütli entstanden ist und sich noch ausbreiten wird. Friedrich Schiller hat uns auch heute noch viel zu sagen.
Der Kerngedanke „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“ - seit 1971 zählen wir auch die Schwestern dazu - diesen Kerngedanken gilt es in die Gegenwart zu übersetzen.
In die Gegenwart eines direktdemokratischen Rechtsstaates, in welchem das Volk alle paar Monate in Abstimmungen selbst über die Geschicke des Landes befindet.
In die Gegenwart einer Gesellschaft, die nicht besoders einig ist. Die Worte des sterbenden Attinghausen klingen uns in den Ohren nach. Denn verschiedene Weltsichten und Parteiprogramme stehen im politischen Wettbewerb, der heute häufig ein unproduktives Hickhack genannt werden muss. Den weiterführenden Konsens und den sozialen Ausgleich zu finden ist mühseligste Kleinarbeit.
Die Freiheit des einzelnen und des Volkes ist in unserem Lande heute nicht mehr von der Obrigkeit bedroht. Sie ist in die Bundesverfassung eingemeisselt und kann eingeklagt werden. Wir selbst bedrohen die Freiheit, wenn wir deren Fundament, Respekt gegenüber jedem Menschen und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, zugrunde gehen lassen.
Wir sind bei allen Schwierigkeiten, die der Einzelne im Leben zu bestehen hat, privilegierte Bürgerinnen und Bürger in einem privilegierten Land. Das verpflichetet zu Dankbarkeit und Offenheit. Respekt gegenüber jedem Menschen und Toleranz gegenüber Andersdenkenden sind die Fundamente, auf denen wir weiterbauen.
Liebe Gäste, ich danke auch Ihnen, dem Publikum, dass Sie unserer Einladung zu dieser aussergewöhnlichen Feier des ersten Augustes auf dem Rütli gefolgt sind. Ich wünsche Ihnen ein unvergessliches Theatererlebnis.
Und jetzt zum Schluss noch ein Geheimtipp: sicher werden Ihre Augen während der Aufführung immer wieder auch über die eindrückliche Landschaft ringsherum schweifen. Verpassen Sie dabei unten auf der Wiese eines nicht: den Auftritt des coolsten Stars des Stückes: des Knaben Walther Tell!
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
Literatur:
Georg Kreis:“Mythos Rütli“, Orell Füssli 2004
Peter von Matt: „Die tintenblauen Eidgenossen“, Hanser 2001
Barbara Piatti: „Tells Theater“, Schwabe 2004
Catherine Santschi: „Schweizer Nationalfeste im Spiegel der Geschichte“, Chronos 1991
Friedrich Schiller „Wilhelm Tell“, Reclam Jubiläumsausgabe 2004
SGG-Revue, Sondernummer Sommer 2004