Dr. Judith Stamm, alt Nationalratspräsidentin, ehem. Präsidentin SGG
Was gefällt Ihnen besonders an der Schweiz?
Die Vielfalt der Landschaften, Sprachen, Kulturen, Weltanschauungen.
Was stört Sie in der Schweiz?
Dass wir mehr nebeneinander als miteinander leben.
Was bedeutet das Rütli für Sie?
"Keimzelle" für zukunftsgerichtete Gedanken für unser Land und die Welt.
Was ist für Sie typisch schweizerisch?
Wir wollen – und können – bei beinahe allem mitreden und mitbestimmen!
Das Rütli ist kein ehemaliges Schlachtfeld, an das sich patriotische Gefühle hängen. Das Rütli ist eine schön gelegene Wiese in der Gemeinde Seelisberg im Kanton Uri. Sie wird von Gästen das Jahr hindurch täglich in Beschlag genommen. Kleine Kinder halten Mittagsschlaf, ältere Kinder toben herum, Touristengruppen suchen den spärlichen Schatten, Schulklassen picknicken.
Natürlich kreisen unsere Gedanken beim Nennen des Rütlis um den historisch nicht belegten Rütlischwur von 1291, um den genial zu nennenden Rütlirapport von General Guisan von 1940, um die alle Sinne ansprechenden Aufführungen des "Wilhelm Tell" durch das Nationaltheater Weimar von 2004 und um all die zahllosen anderen Ereignisse, die in unser Gedächtnis eingegraben sind.
Mich berührt ein Geschehen von 1713 besonders. Nach der Katastrophe des zweiten Villmergerkrieges von 1712 befand sich das Land Uri in einer tiefen Krise. Da lud die Regierung zu einer Versammlung aufs Rütli ein. Es kamen Regierungsleute und viel Volk aus Uri, Schwyz und Unterwalden ob und nid dem Wald. Sie nahmen an einer Messe teil, beteten und verlasen Briefe, mit denen sie früher ihren Zusammenhalt bekräftigt hatten. Dann traten sie ruhig den Heimweg an. "Der Rütligeist erfüllte alle mit frischer Hoffnung" heisst es am Schluss der Erzählung (Hans Stadler-Planzer: "Die Geschichte des Landes Uri", S. 308).
Was bedeutet uns Heutigen das Rütli? Ist der "Rütligeist" noch lebendig? Ist das Rütli ein Begegnungsort mit "ausgewogenen" Reden oder einfach ein attraktives Ausflugsziel? Es ist beides und noch viel mehr!
Seit je ist das Rütli mit dem Gedanken der Freiheit verbunden. Als "Keimzelle der Schweizerfreiheit" wurde die Rütliwiese seinerzeit von der Schweizerischen Gemeinnützigen Geselllschaft aus Privatbesitz gekauft und der Schweiz zur Verfügung gestellt.
Der "Rütligeist" weht, ja provoziert auch heute noch! Ob wir feiern oder uns entspannen, immer sind wir aufgerufen, nicht einfach "zur Tagesordnung überzugehen". Die Welt ist nicht so heil, wie wir auf dieser idyllischen Wiese für Augenblicke gern glauben möchten. Freiheit, Friede, Schöpfung sind immer gefährdet, überall, weltweit. Was liegt näher, als das Rütli auch heute als "Keimzelle" für zukunftsgerichtete Gedanken zu benützen? Uns vom "Rütligeist" immer wieder ermutigen zu lassen, nie zu resignieren! Sondern kleinere und grössere Schritte zu unternehmen, damit "alles", oder wenigstens einiges, etwas besser wird, als es gestern war!