Was gefällt Ihnen besonders an der Schweiz?
Dass sie so multikulturell ist. Die Schweiz ist weltweit ein Vorbild für das friedliche Zusammenleben verschiedenster Kulturen.
Was stört Sie an der Schweiz?
Mich irritiert vor allem, dass uns in der Schweiz immer wieder der Weitblick fehlt und einige das Gefühl haben, wir könnten uns vom Rest der Welt abschotten.
Was bedeutet das Rütli für Sie?
Heimat – und zwar in einem zukunftsgerichteten Sinn. Unsere Vorfahren haben damals vor über 700 Jahren auf dem Rütli vorausgeschaut.
Was ist für Sie typisch Schweizerisch?
Dass wir uns leider zu wenig bewusst sind, wie gut es uns doch eigentlich geht.
Ich war schon unzählige Male auf dem Rütli, als Privatperson wie auch als Politiker. Dennoch denke ich immer zuerst an ein ganz bestimmtes Erlebnis, wenn von diesem wunderschönen Ort in der Innerschweiz die Rede ist: die Schulreise in der 6. Primarschulklasse. Dieser Ausflug auf das Rütli hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt wie kein zweiter. Dabei sind seither 57 Jahre vergangen.
Unser Lehrer hatte uns schon seit Monaten auf diesen Ausflug vorbereitet und dafür gesorgt, dass wir vom Rütlischwur bis hin zu General Guisan alle historischen Details kannten. Und wir hatten stundenlang Lieder auswendig gelernt. Ich kann mich noch gut an meine grosse Vorfreude erinnern. Meinen älteren Geschwistern war eine solche Schulreise verwehrt geblieben und so fühlte ich mich ganz besonders privilegiert.
Kurz nach meinem Geburtstag Anfang Juni war es dann so weit: Wir reisten von Sursee nach Luzern und von dort gings bei traumhaftem Wetter mit dem Schiff über den Vierwaldstättersee. Nach einem kurzen Fussmarsch standen wir endlich auf der Rütliwiese – ich wurde von tiefer Ehrfurcht erfüllt.
Als wir dann die eingeübten Schweizer Lieder sangen, fühlte ich mich durch dieses gemeinsame Singen so stark verbunden mit meinen Klassenkameraden wie selten zuvor. Ein Junge aus unserer Klasse stammte aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Er war ein Aussenseiter – die meisten Kinder schlossen ihn wegen seiner schäbigen Kleider aus. Mich hatte dies schon seit längerem sehr beschäftigt. Und an diesem Tag auf dem Rütli tat er mir so leid, dass ich spontan mein Picknick mit ihm teilte. Von meinem Lehrer, der selten ein gutes Wort für mich übrig hatte – ich war nicht der beste Schüler – wurde ich sehr gelobt für dieses Verhalten.
Auch darum war dieser Ausflug ein Schlüsselerlebnis für mich. Damals wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass es Menschen gibt, denen es weniger gut geht wie mir. Es war der Anfang eines lebenslangen persönlichen Bestrebens, solchen Menschen zu helfen. Vor 57 Jahren fuhr ich mit meinen Schulkameraden auf die Rütliwiese. Für mich war es damals die schönste Schulreise, die ich je erlebt hatte. Ich hoffe, der Besuch des Rütlis hat auch für heutige Jugendliche eine prägende Wirkung.