Liebe Eidgenossen, Frauen, Männer und Kinder; geschätzte Gäste aus nah und fern!
Die Talschaften von Uri, Schwyz und Nidwalden haben sich vor 699 Jahren Beistand mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versprochen. Sie haben es soeben gehört und auch vernommen, wie dieser Zweck des Bundes von 1291 verwirklicht werden sollte.
Chers confédérés!
« Que chacun sache donc que, considérant la malice des temps et pour mieux défendre et maintenir dans leur intégrité leurs personnes et leurs biens, les hommes de la vallée d’Uri, la communauté de Schwyz et celle des hommes de la vallée inférieure d’Unterwald, se sont engagés, en toute bonne foi, de leur personne et de leurs biens, à s’assister mutuellement, s’aider, se conseiller, se rendre service de tout leur pouvoir et de tous leurs efforts, dans leurs vallées et au dehors, contre quiconque, nourissant de mauvaises intentions à l’égard de leur personne ou de leurs biens. »
Cet article fondamental de la charte fédérale de 1291 a gardé une force symbolique incroyable durant des siècles d’histoire suisse. Aujourd’hui on remet en question, parfois de manière précipitée, plusieurs principes permettant la compréhension de l’état suisse. Le démontage de conceptions historiques familières est en relation directe avec la situation actuelle qui fait souci à juste titre.
Die Chronisten des 15./16. Jahrhunderts formten das Entstehungsbild der Eidgenossenschaft aus ihrer Sicht, so wie jede Zeit ihre eigene Anschauung der Geschichte formte und es auch heute tut. Die Schaffung eines neuen Bildes der Vergangenheit geht meistens kontrovers vor sich und zögernd nur zeigen sich allgemein erkennbare Konturen. So etwa beginnen wir vermehrt die Vorgänge im schweizerischen Gebiet des ausgehenden Mittelalters im europäischen Umfeld zu sehen. Es entstand ferner 1291 gewiss nicht die Schweiz schlechthin, aber es bildete sich ein Kristallisationskern für die weitere eidgenössische Entwicklung. Wir können schliesslich noch andere geschichtliche Faktoren ausmachen, die das Werden unserer Eidgenossenschaft mitbestimmt haben: etwa die Politik der Reichsstadt Zürich, oder die weit angelegte Erfassung des Raumes durch das alte Bern.
Cari confederati!
Nessun’evoluzione storica nell’ambito della Svizzera ha saputo sviluppare un effetto così spirituale e simbolico attraverso i secoli, come il patto dei primi Confederati. La sua identificazione locale con questo luogo tranquillo sulla sponda del lago di Uri ha cementato il suo fondamento. La patria qui ha trovato il suo luogo d’origine. In tempi di pericolo il Rütli ha sempre servito da sorgente di forze spirituali. E’questo il profondo significato del Rütli per la storia della Svizzera.
Keine Entwicklung innerhalb des schweizerischen Gebietes hat indessen eine so starke reale und symbolhafte Wirkung über die Zeiten entfalten können, wie der Bund der ersten Eidgenossen. Seine spätere lokale Verknüpfung mit dieser stillen Wiese am See hat den geistigen Untergrund gefestigt. Das Vaterland hatte seine Heimat erhalten. In gefährlichen Zeiten hat das Rütli immer als moralischer Kraftspender und geistiger Urquell gedient, denken Sie nur an den Rütlirapport General Guisans am 25. Juli vor 50 Jahren. Auf dieser Ebene liegt seine eigentliche Bedeutung für unsere Geschichte. Und heute?
Es liegt auf der Hand, dass das Rütli und die Rütli-Idee jenen ein Dorn im Auge ist, die mit dem komplexen Staat der Eidgenossen nichts mehr im Sinne haben. 700 Jahre sind ihnen scheint’s genug. Wer vor ihnen von Vaterland spricht, ist suspekt, Patrioten werden belächelt und eine Heimat braucht man auch nicht. Sind diese Leute blind gegenüber den Vorgängen im ehemals sowjetisch beherrschten Osteuropa? Sehen sie nicht, dass gerade die von ihnen so verachteten Inhalte Triebfedern für diese Völker und ihre führenden Leute sind: freies Vaterland und selbstbestimmte Heimat. Und frägt man nach Alternativen, so treten diffuse Vorstellungen entgegen, die in einer Zeit des unbestreitbaren europäischen Wandels kaum als tragfähige Basis für die Zukunft geeignet sind.
Es wäre aber, liebe Miteidgenossen, verhängnisvoll, beim blossen Zurückweisen dieser Ansichten zu bleiben. Ein Blick auf den politischen und gesellschaftlichen Zustand unseres Landes ergibt m. E. ein bedenkliches Bild. Erlauben Sie mir, als Mitbürger ohne andere Ambitionen, als in dieser meiner Heimat zu leben, für sie zu arbeiten und sie meinen Kindern zu erhalten, dazu einige freimütige Aussagen.
Eine Häufung von Affären und ihr Hochspielen durch Teile der Medien und viele immer gehässigere Auseinandersetzungen in allen politischen Bereichen strapazieren unser Verständnis vom Staat und seinen Amtsträgern. Die Kreation eigentlicher Staatskrisen ist indessen eher eine Frage der politischen Motivation gewisser Kreise und der Verbesserung der Bilanz einzelner Massenmedien. Der Konsens der Landesverteidigung ist angeschlagen. Eine starke Minderheit steht den erprobten Tugenden des Kleinstaates – Vorsicht, Vorsorge, Nüchternheit usw. – verständnislos gegenüber. Und doch werden wir in einem Fluss geratenen europäischen Umfeld bald konkrete sicherheitspolitische Entscheidungen treffen müssen. Die Asylpolitik beinhaltet mehr Gefahren, als viele gemeinhin annehmen. Niemand kennt die Reizschwelle massiver Reaktion. Wir erleben schliesslich eine merkwürdige Art Bewältigung unserer jüngeren Vergangenheit. Liest man Publikationen einzelner Journalisten, Historiker oder Schriftsteller zur Zeit des zweiten Weltkriegs, so glaubt man, bei uns hätten Faschismus, Rassismus und Militarismus dominiert. Dass das Land vom Krieg verschont blieb, ist nach Meinung dieser Leute viel mehr dem Einverständnis mit den totalitären Mächten, als den eigenen militärischen und politischen Anstrengungen zu verdanken. Gegenüber Europa scheinen wir im Augenblick einigermassen ratlos. Die Entscheidung, wie wir uns verhalten wollen, steht jedoch vor der Tür. Zwischen Anpassung und Isolierung liegt ein weites Feld und noch lässt der europäische Weg vieles offen. Es ist höchste Zeit diese für uns und die Zukunft unserer Kinder so wichtigen Fragen zu erörtern. Mit in die Diskussion gehört auch die Frage unserer Neutralität. Es darf daran erinnert werden, dass diese kein Ziel sondern ein Mittel unserer Politik ist und auch darüber in einem veränderten Umfeld gesprochen werden muss.
Lasciatemi riassumere i problemi più importanti:
L’accumularsi di intrighi publici e la loro publicità per via dei medii; le discussioni critiche riguardo la difesa armata della nostra patria e la politica d’asilo; l’informazione insufficiente sulla nostra storia contemporanea; un atteggiamento alquanto perplesso di fronte all’Europa.
Tutte queste dispute toccano l’essenza della nostra coscienza nazionale, suscitano incertezze causando un atteggiamento di passività e di rifiuto.
Der Katalog liesse sich fortsetzen. Viele dieser Probleme truffe das schweizerische Selbstverständnis. Sie treffen zudem auf eine Gesellschaft, die noch anderswo krankt. Die Bereitschaft zum Dienen wird abgelehnt, Pflichten wollen viele nicht mehr übernehmen. „Ohne mich“ und „was nützt mir das“ sind die Leitsätze ihrer Philosophie. Das Leben zu geniessen, ist das einzige Ziel. Wie zum Hohn hängt man sich dann noch das Mäntelchen des Umweltbewusstseins um und gibt sich friedliebend. Auf diese Weise wird der Wohlstand zur echten inneren Gefahr. Das alles geschieht im Zeichen einer erstickenden Informationsflut. Und wenn es soweit kommt, dass das Mediensystem nicht mehr informiert, sondern eigene Meinungen mit grosser Macht unter das Volk bringt, so ist dieses in grosser Gefahr. Die Demokratie ist zum Tode verurteilt, wenn die Minderheit die Entscheide der Mehrheit nicht mehr akzeptiert, und wenn Parlamentsbeschlüsse durch undemokratische Machenschaften, selbst unter Beteiligung von Parlamentsmitgliedern, umgestossen werden sollen. Solchen Tendenzen muss mit der Forderung begegnet werden, dass es nur einen integralen und keinen relativen Rechtsstaat gibt, wo jeder selbst bestimmt, was er akzeptieren will. Wer zudem nur noch an der politischen Ausmarchung teilnimmt, wenn er selbst betroffen ist, bereitet die Abdankung dieses demokratischen Staates vor.
Für mich findet diese Abdankung heute und morgen nicht statt und ich gehe davon aus, dass auch Sie keine Neigung dazu verspüren. Wir haben aber etwas zu tun! Zum ersten haben wir wieder eine politisch aktive und interessierte Mehrheit im Land zustande zu bringen. Lassen wir uns von selbsternannten Experten, vor allem in den Massenmedien, kein X für ein U vormachen. Beschäftigen wir uns selbst mit den wichtigen Fragen, diskutieren wir mit Leuten, auf deren Urteil wir etwas geben. Sprechen wir auch intensiv mit Andersdenkenden: es ist ja ihr gutes Recht. Prüfen wir gut, wen wir in unsere Räte wählen. Man soll sich die Leute anschauen und anhören. Wir brauchen niemanden, dessen politische Tätigkeit sich auf die Strategie seiner Wiederwahl beschränkt. Seien wir aber fair mit den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die sich für öffentliche Aufgaben gemeinnützig zur Verfügung stellen. Das Milizsystem auf allen Stufen ist unsere Chance, - aber nur, wenn wir alle uns wirklich zur Verfügung halten.
Rappelez-vous les phrases si simples de la charte fédérale de 1291: s’aider de toutes ses forces les uns les autres en paroles et en actions. Ces dispositions doivent durer éternellement, est-il précisé en conclusion. La valeur de la science historique se trouve précisément dans le fait qu’elle nous donne des normes éthiques valables de tous temps. C’est dans ce sens que l’utilisation pratique des enseignements de l’histoire trouve sa signification et c’est pourquoi il nous faudra encore bien plus que 700 ans de Confédération.
Und noch ein zweites steht in direktem Zusammenhang mit dem Bund von 1291. Drei Gemeinden haben sich zusammengeschlossen unter Wahrung ihrer Identität und der nur durch den Bundeszweck eingeschränkten Handlungsfreiheit. Auf dieser Basis hat sich die Schweiz jahrhundertelang entwickelt. Der Bundesstaat des 19. Jahrhunderts hat wesentliche föderalistische Postulate integriert. Was ist mit dem Föderalismus seither geschehen? Durch übertriebene Reglementiererei, Bürokratie und unbedachte administrative Zentralisierung ist er in höchste Gefahr geraten. Die Zerstörung des echten Föderalismus ist das Hauptübel unserer schweizerischen Politik und Gesellschaft. Darin liegt ein weiterer Grund für den Rückzug breiter Schichten aus dem aktiven Mitgestalten. Das Ohnmachtsgefühl gegenüber dem immer mehr auftretenden Zentralstaat und den starken, den Gemeinden überlegenen, kantonalen Institutionen bewirkt eine verbreitete Resignation.
Der Föderalismus ist aber auch von unten gefährdet. Wenn die Kantone alles, was Geld und eigene Anstrengungen kostet, dem Bund anzuhängen suchen, dann verkaufen sie ihre Freiheit und ihren Spielraum. Es gilt diesen Bettelföderalismus zu beseitigen, auch wenn es Opfer kostet. Unsere direkte Umgebung, das Quartier, die Gemeinde und der Kanton, liegt uns am nächsten. Hier wollen und können wir bestimmen. Da ist Einiges zurückzuholen. Prüfen wir die Vorlagen auf allen Stufen auf ihre Tauglichkeit für unsere föderalistische Grundhaltung. Das wäre auch dem Parlament in Bern zu raten! Eine solche politische Haltung hat natürlich ihren Preis. Es geht nicht, ohne auf einen Teil unseres gehätschelten, aber oft unseligen Perfektionismus zu verzichten. Es geht nicht ohne Toleranz gegen die Nachbarn mit ihren andern Lösungen. Es geht auch nicht mit dem Neid als gesellschaftlicher Leitlinie. Unser Staat ist föderalistisch angelegt; lassen wir diese Grundlage noch mehr verkümmern, so zerstören wir die Willensnation Schweiz. Wir sollen und müssen vielfältig im Innern, aber einig und weltoffen gegen aussen handeln.
Wir befinden uns mit der Sorge um den Föderalismus nicht allein. Schauen sie sich im heutigen Europa um, sehen Sie, wie hoch der Stellenwert der Regionen gewachsen ist. Es ist der natürlichste Wunsch der Menschen, sich in überschaubaren Strukturen zu bewegen. Müssen wir mit aller Gewalt den entgegengesetzten Weg gehen? Es ist mir wohl, wenn es meiner Gemeinde und meinem Kanton gut geht, wenn ich dort mitwirken kann. Dann bin ich auch bereit und offen, mit dem Nachbarn zu reden, ihm beizustehen mit Rat und Tat, und gemeinsame Probleme anzupacken. Das gilt ebenso für die nationale und internationale Ebene.
Notre système de milice et le fédéralisme constituent la chance et la ligne directrice de notre avenir. Ce ne sont que des citoyens actifs et à l’aise dans leur communauté qui pourront surmonter les difficultés actuelles et s’attaquer aux énormes tâches suisses et européennes qui nous attendent. C’est ainsi que je vous adresse à tous, dans l’esprit du 700 anniversaire de l’alliance des cantons primitifs et du début de l’histoire confédérale, mes vœux de succès.
Das Milizsystem und der Föderalismus sind unsere Chancen und unsere Leitlinien für die Zukunft. Aktive und in ihrer Gemeinschaft fest verankerte Mitbürgerinnen und Mitbürger können die heutigen Schwierigkeiten meistern und den Blick auf die grossen kommenden Aufgaben richten. Dazu wünsche ich uns allen, im Zeichen der 700 Jahrfeier des Urschweizer Bundes und des Beginns unserer gemeinsamen und hoffentlich noch lange währenden eidgenössischen Weges viel Erfolg. Ich schliesse mit einem Wort von General Guisan vom 11. Mai 1940: Bleiben wir ruhig, stark, einig. Auf diese Weise werden wir freie Menschen bleiben.