Getreue liebe Miteidgenossen
Fidèles et chers Confédérés
Fideli e cari Confederati
Cars e fidaivels Confederades
Liebe Gäste
Heute ist der 1. August. Es ist Nationalfeiertag. Es ist ein Ferientag, bezahlt vom Arbeitgeber, sofern man einen solchen hat. Und wir befinden uns auf dem Rütli.
Letztes Jahr haben ein paar Glatzköpfe etwas gebuht und gepfiffen. Ich hoffe, dass dieses Jahr die Spielregeln wieder eingehalten werden. Deshalb ist auch mehr Polizei hier. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren der 1. August auf dem Rütli wieder ohne Polizei gefeiert werden kann, und dass die Polizistinnen und Polizisten den Nationalfeiertag wieder mehrheitlich mit ihren Familien verbringen können.
Vom Rütli wollen wir das Gefühl der eidgenössischen Zusammengehörigkeit exportieren, wir wollen nicht Symbole unmenschlicher Ideologien, verantwortlich für Millionen unschuldiger Opfer aufs Rütli importieren.
Was feiern aber wir heute am 1. August und warum sind wir gerade auf dem Rütli versammelt?
Wir feiern am 1. August den Bund der drei Waldstätten von 1291. Heute also den 710. Geburtstag.
Ob diese Bundesgründung genau am 1. August auf dem Rütli stattgefunden hat, kann offen bleiben, jedenfalls wurde anfangs August 1291 ein Bund geschlossen. Und das Weisse Buch von Sarnen erzählt, dass sich die Vertreter der Waldstätte mehrere Male auf dem Rütli getroffen haben.
Über diesen Bund ist schon vieles gesagt und geschrieben worden. Wahrscheinlich hatte er einen Vorgänger und sicher wurde der Bund 1315 nach dem Gefecht bei Morgarten erneuert.
In der damaligen Zeit sind viele Bündnisse geschlossen worden. Der Bund der Waldstätte hat als einziger überdauert. Er hat in seinen Spätfolgen bis heute Bestand. Wir sind ein Kleinstaat geworden. Die Eidgenossenschaft war aber nicht 1291 fertig. Es haben immer wieder Veränderungen stattgefunden. Es sind neue Bundespartner dazugekommen. Andere sind weggefallen. Und der moderne liberale Bundesstaat ist 1848 geschaffen worden. Diese Verfassung von 1848 ist nicht als Frucht vom Baum der Vergangenheit gepflückt worden, sondern ist gemacht worden, war ein Willensakt in die Zukunft.
Und obwohl wir Schweizer gelegentlich wunschlos unzufrieden sind, sind wir ein erfolgreicher Staat geworden.
Wir sind heute am 1. August 2001 in guter Verfassung. Wir haben gearbeitet, wir hatten auch Glück. Wenn Sie internationale Statistiken studieren, sehen Sie beispielsweise, dass wir erneut das Land mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit sind. Erfolge soll man aber nicht an die grosse Glocke hängen. Wir dürfen etwas Stolz in der Brust spüren, wir wollen aber den Mantel der eidgenössischen Bescheidenheit ausbreiten. Man sollte Erfolge nicht verschreien.
Man darf aber an Geburtstagen fragen, welches die Grundlagen und Konstanten für dieses erfolgreiche Bestehen sind.
Die Herausarbeitung dieser Grundlagen oder Grundsätze ist eines, die grosse und schwierige Frage ist aber die nach der Bedeutung dieser Prinzipien in der gegenwärtigen Situation und die Frage nach der Gültigkeit in der Zukunft.
Weil es um das eidgenössische Bewusstsein geht, um unsere Identität, kann ein 1. August-Redner nur das wiederholen, was wir alle eigentlich wissen oder wissen sollten.
Das Einzigartige beim Beginn der Eidgenossenschaft war, dass der Gemeinschaftsgeist funktionierte. Zugezogener Kleinadel und eingesessene bäuerliche Familien arbeiteten zusammen im Interesse des Landes. Die wichtigen Leute des Landes haben ihre Verantwortung für die Gemeinschaft loyal wahrgenommen.
Diese ungeteilte Verantwortung aller für den Staat, der demokratische Republikanismus ist ein entscheidender Faktor geblieben.
Rechtswahrung und Zwang zum inneren Ausgleich sind eine zweite Grundlage.
Schon der Bundesbrief wollte die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Eine Gemeinschaft kann nur blühen, wenn das Recht für alle gilt und das Faustrecht abgeschafft ist.
Unser vielfältiges Land braucht darüber hinaus auch den Willen und die Bereitschaft zur Toleranz. Leute, die den Ursprung des Bösen zu kennen behaupten, müssen uns deshalb verdächtig vorkommen.
Ein weiteres Anliegen: Die äussere Sicherheit, die Unabhängigkeit in Freiheit.
Diese äussere Sicherheit ist das neue Element im Brief vom 1291. Die Täler versprechen, sich gegenseitig mit Rat und tat beizustehen, und zwar „innerhalb der Täler und ausserhalb…“
Dürrenmatt hat einmal gesagt:“Die Schweiz ist praktisch und zweckmässig – und ein wenig langweilig. Es gibt das treffende Bonmot: Es ist schön, als Schweizer geboren zu werden; es ist schön, als Schweizer zu sterben. Doch was macht man in der Zwischenzeit? Meine Antwort lautet gut schweizerisch: Ich vertue diese Zeit mit Arbeiten“.
Dieses Arbeitsethos, der Wille zur Leistung hat uns wirtschaftlichen Wohlstand gebracht.
Ein Land, das über keine Rohstoffe verfügt, muss auf Arbeit und Schlauheit setzen. Wir müssen wenn möglich etwas fleissiger und mindestens so intelligent sein, wie die anderen um uns herum.
Dieser nüchterne Pragmatismus, das vorherrschende Nutzen-Kosten-Denken kann man kritisieren oder auch als mutige Gelassenheit loben.
Frieden und Sicherheit (Aussen- und Sicherheitspolitik) haben dem Wohlstand im Innern zu dienen. Ordnung im Innern und Unabhängigkeit gegen Aussen werden als Voraussetzungen für diesen Wohlstand angesehen.
Der Bund von 1291 ist keine Aktion von Hinterwäldlern, die sich der übrigen Welt verschlossen haben. Erinnern wir uns:
- 1218 nach dem Tode des letzten Zähringers wurde Uri aus dem Zürcher Zuständigkeitsgebiet herausgelöst, als kaiserliche Vogtei konstituiert und von Friedrich II. an die Grafen von Habsburg verpfändet. Schon damals hatten gewisse Staaten Geldsorgen.
- Bereits 1231 haben dann die Urner das Privileg der Reichsunmittelbarkeit mit König Heinrich VII. ausgehandelt. Im elsässischen Hagenau wurde die entsprechende Urkunde vom jungen König im Namen und wohl auch auf Anweisung des in Italien residierenden Friedrich II. gesiegelt. Wahrscheinlich ist das Geld für die Ablösung des Pfandes und ein Tribut für die königliche Schatzkammer von den Urnern aufgebracht worden. Sicherlich hat der zwischen 1218 und 1230 wegbar gemachte Gotthard dem Volk zusätzliche Einkommen gebracht, weshalb zur Bezahlung dieser Schuld eine Steuer erhoben werden konnte. Unsere Vorfahren haben also investiert, um die Freiheit zu erreichen. Man hat nicht gewartet, bis die gebratenen Tauben vom Himmel fallen, man hat sich selbst angestrengt.
- Am 14. Juli 1291 war König Rudolf I. auf dem Weg nach Speyer gestorben. Bereits im August wurde der Bund auf dem Rütli erneuert.
Die Schöpfer des Bundes von 1291 waren überzeugt, dass die Waldstätten für die Selbstregierung fähig waren, und dass für sie am besten gesorgt sei, wenn sie für sich selbst sorgten und sich so frei als möglich bewegen konnten. Sie haben das Geschick selbst in die Hand genommen. Um sich gegen die Ansprüche von Territorialherren aus der Nachbarschaft zu wehren, hat man sich aber immer wieder bis 1648 auch auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen berufen.
Unsere Vorfahren sind nicht abgeschlossen und apathisch im Reuss- und Schächental, im Tal der Muota sowie im Tal der Aa gesessen, sondern haben sich mit den Ereignissen im Ausland auseinandergesetzt und haben mit viel Realitätssinn und nüchtern im Interesse der Talschaften reagiert.
Wir sind ein Kleinstaat. Die Eidgenossenschaft wäre aber nicht einmal ein Kleinstaat geworden, wenn man nicht über die Grenze geschaut hätte.
Wir feiern diese Jahr die 650-jährige Zugehörigkeit von Zürich sowie den Beitritt von Basel und Schaffhausen vor 500 Jahren.
Noch im 19. Jahrhundert dauerte eine Reise von Zürich nach Flüelen am Ende des Urnersees mehr als ein Tag. Von Basel dauerte es klar zwei Tage. Wenn man diese Reisegeschwindigkeit mit den heutigen Möglichkeiten vergleicht, dann fällt auf, dass unsere Vorfahren weiträumiger gedacht und gehandelt haben als viele heutige Akteure. In der gleichen Zeit könnte man heute in jede Hauptstadt auf diesem Globus gelangen.
Dies ist keine Forderung zur Expansion vergleichbar mit den Reisegeschwindigkeiten der heutigen Flugzeuge. Es ist auch keine versteckte Forderung zum EU-Beitritt. Es ist aber die Aufforderung zur Offenheit und zur Grenzüberschreitung bei der Interessenwahrung.
Es gibt eben auch in der Aussen- und Sicherheitspolitik einen pragmatischen Weg ausserhalb der Extreme, um unsere Interessen zu wahren und zur Wirkung zu bringen. Dieser Weg muss immer wieder neu gefunden und definiert werden.
Denjenigen, die an der Wirkungslosigkeit und Tatenlosigkeit sowie am Zwang und auch an der Fähigkeit, sich vor der „wirklichen“ Geschichte fern zu halten, verzweifeln, kann dieser Kleinstaat nicht helfen. Die Unzufriedenheit darüber, dass die Eidgenossenschaft keine grosse Rolle im Welttheater spielt, kann nicht politische Richtschnur sein und darf auch nicht aus Rücksicht auf intellektuelle Bedürfnisse befriedigt werden. Es gibt auch keine Erlösung von allen Problemen durch Integration. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen. Man kann die Verantwortung nicht nach oben und die Arbeit an die Nachbarn delegieren.
Ebenso ist aber auch die Überheblichkeit des „wir machen alles besser“ oder der Glaube an eine nationale Auserwähltheit von Übel. Mit Abschottung und Verzicht auf Aussenpolitik kann man keine Interessenpolitik betreiben. Und ohne Blick über die Grenze kann man keine Sicherheitspolitik machen. Dies haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger am 10.06.2001 eingesehen.
Die Liebe zum Vaterland zeigt sich nicht darin, dass man keinen Blick über die Grenze wagt. Die Liebe zum Vaterland muss etwas anderes sein als die Liebe des Esels zu seinem Stall. Insbesondere darf auch unser Verhältnis zu unseren europäischen Nachbarn nicht von der Idee des Widerstandes dominiert werden. Es sollte auch nicht Schadenfreude aufkommen, wenn in der Europäischen Union etwas oder vieles nicht rund läuft. Hier ist viel mehr Sorge am Platz. Solange es dort nämlich gut geht, werden wir unsere Beziehungen vernünftig regeln können und werden wir auch nichts zu befürchten haben.
Es geht darum, eine Balance zwischen einem Optimum an Teilnahme zur Interessenwahrung und im Einsatz für internationale Humanität einerseits sowie von Beibehaltung von Strukturen und Werten, von denen wir nicht abgehen wollen, andererseits, zu erreichen. Hierzu braucht es nüchterne Aufmerksamkeit.
Es gibt eben internationale Probleme, die mehr als nationaler Politikregelung bedürfen. Bei den meisten Problemen heisst es aber vor der eigenen Haustür kehren.
Es gibt wirtschaftliche Sachzwänge z.B. der Globalisierung. Gleichzeitig müssen wir aber auch eine Staatsidee pflegen, die sich den wirtschaftlichen Sachzwängen gegenüber Geltung verschaffen kann. Wir dürfen den Staat nicht den Nationalisten überlassen, welche diesen Staat auf Ausländerzahlen, Traditionen von Vorgestern und Ruhe und Ordnung reduzieren wollen.
Die Schweiz ist eine Willensnation. Sie ist nicht nach einem Plan an einem Tag entstanden. Ohne einen immer wieder erneuerten politischen Willen, der das zerbrechliche Gebilde bei allen Spannungen und Versuchungen zusammenhielt, wäre die heutige Eidgenossenschaft nicht geboren. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wird mit eidgenössischen Festbräuchen immer wieder erneuert. Eine dieser Festformen ist die Landesausstellung. Die Expo im nächsten Jahr soll ein Fest sein, eine Begegnungsmöglichkeit für die Eidgenossen, eine kulturelle Manifestation usw. Sie soll aber vor allem eine Landesausstellung sein, welche Identität stiftend und erneuernd wirken kann.
Ich habe den Eindruck, dass wir die Phase des Jammerns überwunden haben. Gemeinsam haben wir die schwierige Phase der beginnenden 90er-Jahre gemeistert. Wir haben angefangen zu sehen, dass die Zukunft viele lohnende Chancen und spannende Herausforderungen bereithält. Wir dürfen an die Fähigkeiten des eigenen Landes glauben. Natürlich ist blinder Optimismus falsch, aber bei den konkreten Aktionen sollte man Optimist sein. Gonzague de Reynold hat es so ausgedrückt:"Il faut être pessimiste dans la conception pour être optimiste dans l’action".
Ich fordere Sie deshalb auf, selbstbewusst, aber ohne Arroganz in die Zukunft zu blicken. Jeder und jede möge bereit sein, einen Teil der Kräfte der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Wir haben die Zukunft mit Realitätssinn, auch mit nüchterner Nutzen- / Kostenüberlegung, anzupacken. Wir sind in der Lage, die notwendigen Renovationen an unserem Schweizerhaus durchzuführen. Die moderne Zeit bringt viele Gefahren.
Sie bringt aber auch viele Chancen.
Unser Erfolg verpflichtet für die Zukunft. Nicht, dass wir als Oberlehrer antreten wollen. Aber wir sollen in der eigenen Gemeinde und im eigenen Kanton für Wohlstand und Ordnung sorgen und aus diesem gesicherten Zustand an der Entwicklung der Eidgenossenschaft in Europa mitwirken.
Ich ende, wie Walter Fürst im Tell sagt:
Das Werk ist angefangen nicht vollendet. Jetzt ist uns Mut und feste Eintracht not.
Ich empfehle Euch, getreue liebe Eidgenossen, dem Machtschutz des Allerhöchsten.
Je vous recommande fidèles et chers confédérés à la protection divine.